2009: Baltikum

Samstag, 8. August: Erst mal nach München

Gepackt habe ich ja schon am Vortag. So hatte ich am morgen früh nicht mehr viel zu tun und fuhr bereits zeitig nach Thun, um dort zu frühstücken. Danach bestieg ich den Zug nach Basel, wie gewohnt vorne. Erst als ich während der Fahrt mein Billett sorgfältig studierte, fiel es mir auf: Ich hatte ja 1.Klass-Billette! Und ich hatte doch noch Plätze in den ICEs reserviert. Also schon die ersten zehn fehlinvestierten Franken. Es zeigte sich dann auch, dass Reservationen nicht unbedingt nötig waren, die Besetzung war mässig, erst recht in der ersten Klasse. Etwas Besonderes entdeckte ich im ICE der neusten Generation, der mich von Mannheim nach München brachte. Hinter der Führerstand hat es richtige Zuschauersitze, von denen aus man durch die Frontscheibe schauen kann.
In München hatte ich ein Hotel nahe beim Bahnhof. In einem Quartier, welches offensichtlich vor allem von Türken bewohnt wird. Sogar eine türkische Bank hatte es. Nicht türkisch hingegen war die Kirche am Ende der Strasse, an der mein Hotel war. Ich ging kurz auch dort hinein, als ich zum ersten Stadtspaziergang startete.
Vom Bahnhof ging ich der Hauptachse entlang, via Karlsplatz über den Marienplatz bis zum Isartor. Dort sollte am Abend ein Konzert stattfinden. Ich merkte mir das und ging weiter zum Viktualienmarkt. Dort entdeckte ich auch eine moderne Markthalle, die aber leer war. Nicht ganz leer. Festtische waren aufgestellt, Leute tranken Bier und auf Grossleinwand verfolgten sie die Bundesliga. Auf dem alten Markt schliesslich, setzte ich mich an einem Tisch um etwas zu essen. Was mir auffiel, dass München, im Gegensatz zu den meisten Gross- und Kleinstädten, die ich kenne, keine Fussgängerwegweiser hat. Wer eine Sehenswürdigkeit sucht, hat entweder einen Stadtplan oder vertraut auf den Zufall.
Nach dem Essen spazierte ich noch etwas kreuz und quer durch die Altstadt, natürlich auch am Hofbräuhaus vorbei, um wieder beim Isartor zu landen. Dort spielte jetzt die Musik. Eine Band in Bild und Ton im Stil etwa der achtziger Jahre. Danach wurde es ganz modern. Ein Pärchen, nur mit Laptop und Mikrophon bewaffnet. “ Could you imagine a world without music?“, hauchte sie immer wieder. Nein, antwortete ich leise, aber eine Welt ohne diese Band schon. Ich hielt mich ans Bier und nach dem Konzert (die anderen Lieder waren etwas besser) zog ich mich ins Hotel zurück.


Sonntag, 9. August: Alte und neue Parks

Auch in München fahren diese Doppeldecker herum, mit fester Route und Fahrplan und Touristeninfos. Den leistete ich mir und erfuhr auf diese Weise, was diverse Ludwigs und Maximilians in München aufgestellt haben. Etwas ausserhalb der Stadt befindet sich das Schloss Nymphenburg. Dort stieg ich aus, um mir die Anlage etwas anzuschauen. Nicht nur das Schloss selbst ist beeindruckend, sondern auch die Reihe von 10 Gästehäusern, die mit dem Schloss zusammen eine grossen Kreis bilden. Auf der anderen Seite des Schlosses befindet sich ein grosser Park, der nicht nur von Touristen und Sonntagspaziergängern bevölkert war, sondern auch von vielen Joggern. Vielleicht gehört es zum Standesbewusstsein der Einwohner des Villenquartiers Nymphenburg im Schlosspark zu joggen. Interessant auch der kleine Pavillon namens Pagodenburg, der an einem Weiher liegt, von wo man das Schloss nicht sieht. An diesem Ort konnten sich Königs wohl der Illusion hingeben, nach kurzer Kutschenfahrt bereits weit weg zu sein. (So wie ich, wenn ich auf Nachbars Balkon ein Bier trinke).
Nächste Station war der Olympiapark, wobei ich mich auf einen kurzen Besuch im BMW-Gebäude beschränkte. Eine Kleinigkeit essen, ein paar Autos anschauen und dann weiter. Schwabing war das nächste Ziel. Ab hier verzichtete ich auf weiteres Busfahren und ging wieder zu Fuss. Auf dem Hauptboulevard konnte man allerlei Gebrauchskunst bewundern , sowie eine Skulptur namens „Walking Man“. Bei der Münchner Freiheit (der Platz sieht wegen Bauarbeiten nicht sehr frei aus) bog ich ab und erreichte durch ein nettes Strässchen mit vielen Cafés den englischen Garten. Ich durchschritt etwa zwei Drittel des grossen Parks und marschierte dann zurück um mich in einem kleinen Biergarten zu erholen. Das brauchte ich auch, denn zum Hotel war es noch weit.
An diesem Abend ass ich in einem Schuhbeck-Restaurant, gleich vis-à-vis des Hofbräuhauses. Ich wählte den Gröschtl-Teller. Das sind verschiedene Fleischsorten mit Zucchini und Kartoffeln. Eigentlich ein Resteessen, aber natürlich auf Restaurantniveau veredelt.


Montag, 10. August: Von München nach Tallinn

Montag Morgen sind langweilig. Erst recht, wenn man am Mittag aufs Flugzeug muss und so auch nichts zu planen hat. So spaziere ich noch etwas ziellos durch die Münchner Einkaufsmeile und entdecke eine geöffnete Kirche. Dort kann man die Familiengruft von Ludwig II etc besichtigen. So opfere ich 2 Euro und schaue mir ein Dutzend Steinsärge an. Viel zu früh bin ich auf dem Flughafen und warte noch eine halbe Stunde vor dem Check-In Schalter. Dann kann ich endlich den Flughafen erforschen. Gross ist er. Und nirgends hängt eine Uhr, wir sind halt nicht in der Schweiz. Da ich wohl die ganze Woche immer auf die Uhr schauen muss, beschliesse ich, mir im Swatch-Shop eine ebensolche zu erstehen. Beim Haupteingang des Flughafens gibt es einen grossen, überdeckten Vorplatz, Forum genannt. Dort kann man im Restaurant auch das eigene Bier „air-bräu“ trinken, was ich natürlich tue.
Dann geht es via Riga nach Tallinn mit der BLS. Nein, nicht die BLS natürlich, aber die Air Baltic hat die gleichen Farben. Riga ist der Heimatflughafen der Air Baltic, darum die Zwischenstation. Von dort geht es mit einer Propellermaschine weiter.
Endlich in Tallinn. Dort steht auch ein Fahrer des Hotels bereit. Das Hotel entpuppt sich als eine zum Kongesszentrum umgebaute Fabrik zwischen Altstadt und Hafen. Dort lerne ich auch die Reiseleiterin Katarina und einige Teilnehmer der Reise kennen. Ausnahmsweise esse ich im Hotel, aber sonst bin ich keiner, der Halbpension bucht. Katarina ist Estin und erklärt mir, dass das „Kuld“, das auf meinem Bierglas steht, Gold bedeutet. Sie erklärt der ganzen Gruppe schon mal, dass wir in der ganzen Woche jeweils um neun starten. Am folgenden Tag zum Stadtrundgang. Einen ersten Rundgang machte ich selbst schon nach dem Essen. Dort entdeckte ich diese Häusergruppe mit dem Namen „Die drei Schwestern“. Das erinnerte mich sofort an die gleichnamigen Pubs in Groningen. Am nächsten Tag erfuhr ich, dass es sich um Gasthäuser der Hanse handelte und dass es in Riga ein Pendant mit Namen „Die drei Brüder“ gibt.


Dienstag, 11. August: Tallinn und Lahemaa

Kaum gefrühstückt, zog es mich raus, Richtung Hafen. Dort fand ich ein sonderbares Gebäude, das mich an eine überdimensionierte Panzersperre erinnerte. Ich ging die Treppe hinauf und sah auf der Seeseite einen Helikopterlandeplatz und Richtung Stadt einen breiten Treppenabgang. Das Ding hat auch ein Innenleben, erfuhr ich später, denn es handelte sich um die Stadthalle. Auf den Treppen sah es, wie gesagt, nicht so schön aus und zahlreiche Scherben lassen vermuten, dass die Botellones der Tallinner Stadtjugend hier stattfinden. Aber man hatte eine gute Aussicht auf den Hafen. Gerade vor der Stadthalle brauste eine Katamaranfähre los. Vielleicht nach Helsinki? Es sind ja nur 80 km.
Um neun begann der Stadtrundgang. Endlich sah ich alle 28 weiteren Teilnehmer. Es würde nicht leicht sein, eine so grosse Bande zusammenzuhalten. Aber Katarina würde die Aufgabe bestens bestehen, zeigte sich im Laufe der Reise.
Tallinn ist eine Hansestadt. Wörtlich, die dänische Stadt. Erst unter den deutschen Rittern erhielt sie den Namen Reval und ein Wappen, das uns bekannt vorkommt: Weisses Kreuz auf rotem Grund. Das Kreuz allerdings bis zum Rand. Erst Anfang 20 Jahrhundert, bei der ersten Staatsgründung, erhielt die Stadt wieder den alten Namen und ein Wappen mit drei (dänischen) Löwen. Tallinn besteht aus einer – adligen – Oberstadt und einer Unterstadt der Handelsleute und Handwerker. Auch zwischen diesen Stadtteilen gibt es Stadttore. Ein Beispiel für einen Konflikt zwischen den Stadtteilen erzählte Katarina in der Domkirche. Ein deutscher Landadliger entdeckte in der Unterstadt einen ehemaligen Leibeigenen, der geflohen war und nach einem Jahr Aufenthalt in der Stadt freier Bürger geworden war. Es gab einen Streit und der Adlige erstach seinen „Ex-Sklaven“. Er wurde verhaftet und vom Gericht der Unterstadt zum Tode verurteilt. Das verärgerte die Adligen und sie verlangten die Aufhebung des Urteils. Die Unterstadt musste die Stadttore schliessen um eine gewaltsame Befreiung des Verurteilten zu verhindern. Da aber innerhalb der Stadtmauern keine Hinrichtungen vorgenommen werden durften, waren die Unterstädter im Dilemma. Die Lösung war, dass man den Verurteilten zwischen dem inneren und dem äusseren Tor eines Stadttores hinrichtete und so alle Gesetze einhielt und vor allem dem Adel zeigte, dass die Gesetze der Stadt für alle galten. In der Domkirche ist übrigens auch Admiral Krusenstern bestattet.
Am Nachmittag fuhren wir in den Nationalpark Lahemaa. Der Nationalpark wurde schon zur Sowjetzeit gegründet und die Schweiz ist indirekt mitbeteiligt. Die estnischen Intitianten erinnerten sich, dass sich Lenin in einem Buch positiv über den schweizer Nationalpark geäussert hat. Ein starkes Argument und das Geld aus Moskau floss. Wir kamen aber weniger wegen der Natur, als wegen der Herrenhäuser des – vertriebenen – baltisch-deutschen Landadels. Wir besichtigten das Herrenhaus in PalmseSo schön diese Herrenhäuser auch wieder eingerichtet sind, sind sie doch nicht mehr original. Die ehemaligen Besitzer verkauften, was sie nicht mitnehmen konnten. Die Restauratoren bemühten sich Originalmobiliar aufzutreiben, das meiste hingegen kommt nur aus der gleichen Zeit oder wurde anhand von Dokumenten rekonstruiert.
Also: Echt oder nicht echt?
Natürlich lebten nicht nur Gutsherren in Estland. Darum zeigte uns Katarina noch ein Fischerdorf, in dem tatsächlich noch Fischerei betrieben wird. Die Küste mit Schilf und rotem Granit erinnerte mich stark an Dänemark.
Ein sinnvoller Vergleich, den tatsächlich betrachten sich die Esten eher als Skandinavier, also zu Dänemark, Schweden und vor allem Finnland gehörig, als zu den anderen Balten oder gar Russen. Estnisch und Finnisch sind enge Verwandte der finno-ugrischen Sprachgruppe und die Sprecher verstehen sich gegenseitig. Der Dritte im Bunde, das Livische ist hingegen so gut wie ausgestorben.
Die Russen waren natürlich auch Thema bei Katarinas Ausführungen. Russen und andere nicht-Esten wurden bei der Unabhängigkeit zu „Nicht-Bürgern“. Sie erhielten zwar lebenslange Aufenthaltsberechtigung, aber kein Wahlrecht. Zur Einbürgerung braucht es einen Sprachtest. Nach Russland „zurück“gewandert ist jedoch kaum jemand. Die jungen Russen möchten lieber Esten und somit EU-Bürger werden.


Mittwoch, 12. August: Via Pärnu nach Riga

Dass das Rütli etwas altertümliches hat, war mir schon immer klar. Dass mit das aber im Badeort Pärnu an der Rigaerbucht gesagt wird, hätte ich nicht erwartet. Die Erklärung ist, dass praktisch jede estnische Stadt ein Rüütli, eine Ritterstrasse, hat.
Aber beginnen wir mit dem Anfang. Ein lettischer Bus holte uns im Hotel in Tallinn ab und wir machten noch eine Stadtrunde. Dabei besuchten wir auch noch die berühmte Sängerwiese, wo alle fünf Jahre ein grosses Sängerfest stattfinden und die 1988 Zentrum der „singenden Revolution“ war. Während damals auf der Wiese die verbotene Nationalhymne gesungen wurde, standen auf den Zufahrtsstrassen die sowjetischen Panzer.
Am Nachmittag trafen wir in Riga ein, der grössten Stadt des Baltikums. Bei einem ersten Stadtspaziergang wurden wir gleich mal von einer Regenschauer überrascht. während bei dieser starken Schauer wirklich alle Leute unter Dach oder Bäume rannten, beobachtete ich später, dass die Letten etwas Regen nicht weiter beachten. Wer eine Regenjacke trägt, muss ein Tourist sein. Nach der estnischen Krone (1CHF = 10 EEK) galt es jetzt Lats zu beschaffen (1LVL = 2 CHF!).
Auf dem Rathausplatz spielte Katarina das Ratespiel „Welches ist das Rathaus?“ Natürlich tippen alle auf das prächtige rote Gebäude. Das ist aber in Wirklichkeit ein Zunfthaus. Das Rathaus, in blau, wirkte dagegen fast bescheiden. Beide Gebäude wurden erst in den letzten zehn Jahren neu aufgebaut. Die Sowjets hatten sie abgerissen, um einen Aufmarschplatz zu erhalten. Dieses Schicksal hätte auch dem Freiheitsdenkmal gedroht, nur die chronische Geldnot der Planwirtschaft verhinderte den Ersatz durch ein riesiges Lenindenkmal.
Nach der Kurzführung marschierte ich ins Hotel zurück, um ein trockenes Hemd anzuziehen, ich bin halt kein Lette. Zwischen Hotel und Altstadt befindet sich eine orthodoxe Kirche, die ich mir kurz anschauen wollte. Orthodoxe Kirchen sind noch mehr als katholische von oben bis unten bemalt. Viele Bibelszenen und viel Gold. Ein schon fast bedrückender Ueberfluss.
Zum Abendessen zog es mich auf einen Platz, wo eine Konzertbühne stand. Man hört ja nicht jeden Tag lettische Popmusik. Ein Restaurant bot Welsfilet an. Das habe ich noch nie gehabt, also setzte ich mich hin. Heute war ich auch bereit Touristenpreise zu bezahlen. Im Norden werden die Abende schnell kühl und die Restaurantbesitzer haben auch daran gedacht. Für Gäste ohne Pullover sind überall Decken bereit.
Nach dem Essen ging ich auch noch zur Bühne und schaute zu, wie der Sänger seine Verehrerinnen zum tanzen bringt.



Donnerstag, 13. August: Kreuz und quer durch Riga

Die morgendliche Stadtführung startete mit dem, wofür Riga berühmt ist, dem Jugendstil. (hier Bilder einer privaten Page). Kennzeichen des Jugendstils sind vertikale Linien und Pflanzenornamente. Riga wurde zum Tummelfeld für den Jugendstil, weil kurz vor dem Aufkommen dieses Stil ein grosses Wohnquartier, alles Holzhäuser, abgebrannt war. Der bekannteste Architekt war Michail Eisenstein, dessen dekorativer Stil das Bild des Rigaer Jugendstils in erster Linie prägte.
Da das Kopfsteinpflaster jedes Auto zu einer grossen Lärmquelle machen, zogen wir uns im Stadtzentrum in eine Kirche zurück, wo Katarina noch einige Ausführungen zu wirtschaftlichen Situation der baltischen Staaten machte. Mehr aber als Zahlen beeindruckte uns ihre persönlichen Erlebnisse. So waren vor der Wende die Nahrungsmittel rationiert und z.B. ein Kilo Brot musste für eine vierköpfige Familie eine Woche reichen. Ich kann mich nicht erinnern, vor zwanzig Jahren von Lebensmittelrationierungen in Osteuropa gehört zu haben. Oder hört man einfach nicht zu, wenn solche Nachrichten im Radio kommen? Hier aber haben wir zugehört.
Nach dem Mittagessen trafen wir auch noch einen lettische Journalistin, die über die politische Situation in Lettland sprach. Die Parteienlandschaft ist extrem zersplittert, nur eine einzige würde die 5%-Hürde schaffen. Trotzdem gibt es nicht jeden Monat einen Regierungswechsel, denn die Einsicht, dass jede neue Regierung mehr oder weniger dasselbe macht, hat sich durchgesetzt. Riga selbst wird übrigens von einer Russenpartei regiert.
Der Nachmittag war „Freizeit“, d.h. ohne Führung. Viele Reiseteilnehmer trafen sich auf dem Weg von oder nach der Markthalle. Man nennt ja solche Hallen gerne den Bauch der Stadt. Berge von Gemüse, Fleisch, Fisch, Backwaren und natürlich auch allerlei Ramsch. Gerne nutze ich solche freie Zeiten auch, um in einem Strassencafé zu sitzen und die Leute zu beobachten. Gerade in einer Stadt.
Das Abendessen war in gewisser Hinsicht das absolute Gegenteil des Vortages. Ich ging mit einer Mitreisenden in ein SB-Restaurant, etwas Aehnliches wie Manora. Praktisch, weil man alles sieht und nur auf die Sachen zeigen muss, die man will. Der „Schock“ dann an der Kasse. So günstig war das. Aber gut! In meinem Falle Hechtfilet, Reis, Salat, ein Dessert und ein Espresso für weniger als zehn Franken. Als Begleitgetränk übrigens Kwass – jetzt weiss ich auch sicher, trotz der Verwandtschaft zum Bier, dass ich es nicht mag. Nach diesem reichen Essen, brauchte ich noch einen Verdauungsspaziergang. Ich ging etwa eine halbe Stunde bis zum Fluss und kehrte in einem Bogen zurück zum Hotel, durch die Strasse, wo bis um zehn Uhr abends noch Blumen verkauft werden.


Freitag, 14. August: Schloss Rundale und Vilnius

Riga verabschiedete sich von uns mit strömendem Regen, der zum Glück für uns in der Stadt blieb. Unser Zwischenziel, Schloss Rundale, empfing uns im Sonnenschein. Wir genossen eine ausführliche Schlossführung, deren Höhepunkt die Toilette der Herzogin war. Kein netter Kommentar, aber ich merkte bald, dass mich weniger die Vergangenheit von Herzogs, als die Gegenwart der „gewöhnlichen“ Menschen in Estland, Lettland und Litauen interessierte. Die Piroggen und der Apfelkuchen im Schlosskaffee waren aber gut.
Weiter ging es nach Litauen. Die Grenze war auch hier offen, wie überall im Schengenraum, aber der Fahrer musste trotzdem anhalten, um eine Vignette zu kaufen. Dafür gab es dann eine richtige Autobahn bis Vilnius.
Bei den Erzählungen Katarinas ging es jetzt um genau diese Gegenwart, die mich interessiert. Wo gehen die Litauer einkaufen? Zu Maxima, einer Detailhandelskette, die erfolgreich nach Lettland, Estland, Ukraine und Polen expandiert hat und vielleicht auch den Sprung nach Westeuropa plant. Beim Schulsystem kam Katarina wieder zu dem, das sie am besten kennt, dem estnischen zurück. Die estnischen Schulen sind voll auf Internet eingestellt. Gleich nach der Schule, erfassen die Lehrer die Aufgaben. Auch die Probennoten werden erfasst. Die Eltern können am Abend zuhause nachprüfen, was auf der Aufgabenliste ihrer Kinder steht, ebenso Bemerkungen der Lehrer über den Zustand ihrer Kinder. Das tönt stark nach totaler Ueberwachung. Man müsste es wohl selber erleben, um es beurteilen zu können, aber es scheint gut anzukommen.
Dann erreichten wir Vilnius, das uns mit einer modernen Skyline empfing. Unser Ziel war aber der historische Kern. Unser Hotel in Vilnius wirklich zentral gelegen, gleich beim Rathaus. Was aber auch einen kleinen Nachteil hat, denn auf dem Rathausplatz hat ein polnischer Radiosender (Litauen ist stark nach Polen orientiert) eine Bühne aufgestellt.


Samstag, 15. August: Vilnius und Festung Trakai

Habe ich schon das Thema „Heiraten“ angesprochen? Natürlich nicht, es ist in den baltischen Staaten genau so aus den Mode gekommen, wie bei uns. Und trotzdem. Schon in München habe ich nicht weniger als fünf Junggesellinnen- und -gesellenzüge angetroffen. Auch in Tallin war ein angehender Ehemann mit einer fahrbaren Bierbar unterwegs. In Riga wurde mit uns ein Brautpaar – sie im lange weissen Kleid – von der Regenschauer durchnässt. In Vilnius schliesslich stand eine weisse Stretchlimousine für ein Hochzeitspaar bereit.
Aber die erste Station der Stadttour war nicht eine Hochzeit, sondern das Tor der Morgenröte. Da heute auch noch Mariä Himmelfahrt war, fand bereits morgens ein Gottesdienst vor der schwarzen Madonna statt. So gingen wir weiter und machten einen kurzen Abstecher in die orthodoxe Heiliggeistkirche. Vor dem Altar eine Vitrine in der, ich vermutete es schwer, drei Mumien lagen. Mit Brokattuch zugedeckt, nur die Schuhe und Strümpfe sichtbar. Der Reiseführer bestätigte meine Vermutung.
Weiter ging es zum letzten Turm der Stadtbefestigung, der Vilna entlang, also dem Flüsschen, das der Stadt den Namen gab. Der Hauptfluss allerdings ist die Neris, an deren Ufer mit Blumen der Satz „Ich liebe dich“ auf litauisch geschrieben ist. Vom Turm sieht man auch auf die Kathedrale und das Königsschloss. Letzteres wurde neu gebaut und zum tausendjährigen Jubiläum Litauens in diesem Jahr eingeweiht. Dabei wurde allerdings etwas geschummelt, denn die rückwärtigen Gebäude sind noch nicht fertig. Es soll in Zukunft als Nationalmuseum dienen.
Erstes Machtzentrum Litauens war die Festung Trakai, wohin uns der Mittagsausflug brachte. Dort trafen wir auch die weisse Stretchlimousine wieder. Trakai ist offenbar für traditionsbewusste Hochzeitspaare ein Muss. Als angemeldete Reisegruppe hatten wir das Privileg, an der langen Schlange vor der Kasse vorbeizugehen. Ich musste an den Mont St.Michel denken. Nicht nur weil die Festung Trakai auf einer Insel liegt, sondern auch wegen der vielen Leute, die sich da auf die Füsse traten. So verzichtete ich auf die Führung, denn 30 Leute in den kleinen Räumen, waren mir zu viel. Ich schaute mir lieber auf dem Schlosshof den Mittaltermarkt an. Ein Hofnarr organisierte Kinderspiele und die Edelleute zeigten anschliessend ein Tänzchen (die Musik leider von der Anlage). So war dieser Ausflug in meinen Augen nicht ganz so gut gelungen.
Mit diesem Ausflug war auch das „offizielle“ Programm zu Ende. Ein gemeinsames Abschiedsdinner beschloss diese Reise. Eine Suppe in einem Brot, Kalbssteak und ein ungewohntes Dessert. Frischkäse mit Fruchtcoulis. Am nächsten Morgen war für mich früh aufstehen angesagt. Um 8 Uhr Transfer zum Flughafen.


Sonntag, 16. August: Heimreise und Fazit

Eine Studienreise also. „Ah, mit Studenten“, sagte eine Freundin. „Wohl kaum, bei diesen Preisen“, musste ich entgegnen, „eher etwas für pensionierte Lehrer“. Und so war es bei einigen Teilnehmern auch. Der Name des Reisebüros – Studiosus – weckt natürlich Erwartungen und den guten Ruf, den die Reiseführer dieser Gesellschaft geniessen, hat Katarina voll und ganz bestätigt.
‚Nachteil‘ einer Studienreise ist, dass man mit sehr viel Information bedient wird. Mehr als man behalten kann. Aber die Daten kann man ja im Reiseführer oder im Internet jederzeit wieder nachschauen. Wichtig waren jenen Sachen, die die Reiseführerin aus ihrem eigenen Leben und Erleben berichtete. Etwas was die Nennung all der Daten und Namen vergangener Herrscher überwiegt.
Da waren noch viele Geschichten Katarinas, die ich ausgelassen habe. Die vom Klassenfoto ohne rote Halstücher, das deswegen nicht veröffentlicht wurde. Die vom Kaugummi, den der Vater von einer Westreise mitgebracht hat und durch die Münder aller Nachbarskinder hindurch ging. Vom Ostdeutschen Chor, der als Reminiszenz an die Gastgeber ein estnisches Lied sang: Ausgerechnet die verbotene Nationalhymne. Aber auch wie Katarinas Mutter den Umgang mit dem Internet gelernt hat und jetzt am Computer die Steuererklärung ausfüllt und wählt und fleissig ihren Enkeln mailt.
Wenn diese Reise repräsentativ für eine Studienreise war, dann freue ich mich schon auf die Pensionierung.

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