2010 Lissabon

Mittwoch, 24. März: Auf nach Lissabon

Um vier Uhr aufstehen an einem Tag der 25 Stunden haben wird. Das wird anstrengend, aber die Freude auf Lissabon macht wach! Leider ist Lissabon zu weit weg, als dass eine Anreise mit dem Zug sinnvoll wäre, analog des Buches (Nachtzug nach Lissabon). Ich fliege nicht gerne, nicht wegen Flugangst, sondern die langen Wartezeiten, die Enge im Flugzeug, nerven mich. Immerhin, nach zweieinhalb Stunden Flugzeit musste der Pilot offenbar von Westen anfliegen und so kamen wir mit einer grossen Schleife über Lissabon zu einem kleinen Stadtrundflug. Der Transfer klappte und bis zum ersten Stadtspaziergang mit dem Reiseführer hatte ich noch etwas Zeit, auf eigene Faust die Umgebung zu erkunden. Dabei fand ich eine Terrasse mit einem ersten Aussichtspunkt über die Stadt, einen Platz mit einem Kiosk, wo man mir ein Sagres ausschenkte und das Denkmal für den Marques de Pombal, wo Studenten sich gerade für eine Demo bereitmachten.
Zurück im Hotel fand ich schliesslich die anderen Leute und stellte fest, dass ich diesmal einziger Nichtdeutscher in der Gruppe war. Der erste Gang führte in die Baixa, die Unterstadt, die beim 
Erdbeben von 1755 durch eine Flutwelle zerstört wurde. Im Schachbrettmuster wurde die Unterstadt nach Plan des Marques de Pombal neu aufgebaut und als Denkmal schaut dieser Marques durch die breite Avenida da Libertade und die Baixa zum Stadttor hinunter.
Nach dem Spaziergang und einer kurzen Pause ging es mit der ganzen Bande in ein Restaurant wo ich mein erstes, aber nicht letztes, Fischgericht geniessen konnte.













Donnerstag, 25. März: Auf grosser Stadtrundfahrt

Ich habe gewisse Ressentiments gegenüber Luxushotels. Ausser beim Frühstücksbuffet – dort schätze ich die Ueppigkeit und muss mich stets zusammenreissen, nicht schon am ersten Tag alles durchzuprobieren.
Heute war viel Busfahren angesagt und die erste Station war ein Brunnen und Gedenkmal an das Erdbeben, von wo man über den Park, auf einer geraden Linie durch Hauptstrasse und Stadttor bis zum Tejo hinunter sah. Danach verliessen wir das Stadtzentrum, um den Palacio da Fronteira, resp. dessen Garten zu besuchen. Dort wurden wir zum ersten Mal mit vielen (vielen!) Kacheln konfrontiert. Besondere Kacheln waren in einem Gartenpavillon zu sehen. Hier wurden einst die Teller an den Verputz geklebt, aus denen der König, wenn er hier zu Besuch war, gegessen hatte. Danach ging es an den Tejo zum Turm von Belem. Dort beginnt – man staunt – ein Radweg, der zum Entdeckerdenkmal und zur Hängebrücke führt.
Die Mittagspause verbrachten wir in der Pastelaria de Belem, wo es die besten Pasteis de Nata oder eben die Pasteis de Belem, gibt.
In vielen Ländern muss man in staatlichen Museen einen einheimischen Führer anheuern, unabhängig davon, welsche Qualifikationen der mitgebrachte hat. So wurden wir im Hieronymuskloster von einer portugiesischen Führerin empfangen. Sie zeigte uns die Kirche, wo auch ein Grabmal für Vasco da Gama steht und den Kreuzgang des Klosters. Ein kräftiger Wolkenbruch über der Stadt kam gerade richtig, jetzt wo wir unter Dach waren. Die letzte Station des Tages war das Museo do Azulejos, das Kachelmuseum. Es ist tatsächlich beeindruckend, wie in Lissabon die Kacheln benutzt wurden und wie sich Motive und Anwendungen im Laufe der Zeit geändert haben. Ein besonders kostbares Stück, ist die Kachelwand, die Lissabon vor dem Erbeben zeigt. Was leider zu kurz kam, war die zeitgenössische Kachelkunst. Nur ein paar wenige Ausstellungsstücke konnte ich vor dem Weggehen noch anschauen.
Auch voller Kacheln war das Restaurant wo wir am Abend assen. Das Casa do Alentejo, dem Kulturhaus der Leute vom Alentejo, was soviel wie „ennet dem Tejo“ heisst. Hier wählte ich ausnahmsweise Schweinefleisch. Da niemand den Wein (Mateus) mit mir teilen wollte, war ich nach dem Essen doch etwas geduselt und macht noch einen kleinen Ausnüchterungsspaziergang in die Oberstadt auf die schon genannte Aussichtsterrasse. Ich hatte ja bis jetzt noch gar nichts von Lissabon by night gesehen.


Freitag, 26. März: Lissabon mit Bus, Tram und Metro

Heute erhielten wir eine Tageskarte, quasi mit dem Auftrag, die berühmte Tramlinie 28 eigenständig zu erkunden. Zuerst ging es aber in einem kleinen, und dank uns überfüllten, Bus hinauf zur Burg. Die Burg selbst ist nichts besonderes, hingegen bietet sie den schönsten Blick auf die Stadt. Interessant wurde es beim Abstieg durch das Quartier Alfama mit vielen engen Gassen und Treppen. Die Alfama war im 18. Jahrhundert das Rotlichtviertel und wurde, im Gegensatz zu den vielen Kirchen, von Erdbeben nicht zerstört. Wie in anderen mittelalterlichen Städten, zahlten auch die Lissabonner Steuern abhängig von der Grundfläche des Hauses und so sind auch in der Alfama die Häuser hoch und schmal, wie z.B. in Amsterdam.
Nach erfolgtem Abstieg durch die Alfama, fuhren wir erstmals mit der Metro, um wieder ins Stadtzentrum zu gelangen. Dort wollten wir eine Standseilbahn benutzen, die hier Elevator heissen. Die Bahn führt übrigens genau zu der Terasse in der Oberstadt, die ich am Abend zuvor besucht hatte. In der Oberstadt wurde es erstmals politisch. Wir standen vor der Polizeikaserne, in die die Regierung beim Aufstand von 1974 geflohen war. Die Oberstadt war damals von Menschen verstopft, so dass regierungstreue Truppen nicht zu Befreiung eindringen konnten. Der Regierung gelang zwar die Flucht, aber das Ende der Diktatur war besiegelt.
Den individuellen Nachmittag nutzte ich für einen längeren Spaziergang und natürlich für die Tramfahrt.
Die Linie 28 fährt auf wirklich abenteuerlicher Route durch die engen Strassen rund um die Burg, dann durch die Unterstadt und über einen weiteren Hügel an den Stadtrand. In der Unterstadt blieben wir eine Viertelstunde stehen, denn es war wieder Demo. Diesmal, wie ich später erfuhr, eine der öffentlichen Angestellten. Nicht bis zum Stadtrand, sondern nur bis zum Jardin da Estrela fuhr ich, um dann etwas kreuz und quer wieder ins Zentrum zurück zu marschieren. Hier traf ich auch auf einen modernen Glaspalast, der sich hinter einer historischen Fassade „versteckt“.
Am Abend ging es wieder in die Alfama in ein Fado-Restaurant. Ein Dreigängemenu und zwischen den Gängen Gesang. Drei Frauen mit je drei Liedern und nach dem Dessert sang auch noch der Gitarrist selbst, der, wie ich es verstanden haben, auch Komponist einiger der Lieder war. Interessant war auch der Aufbau der Auftritte. Angefangen wurde immer mit einem sehr langsamen, dramatischen oder traurigen Lied. Das dritte war aber immer beschwingt und fröhlich, teilweise gar zum mitklatschen. So als ginge es darum, die Zuhörer nicht in eine allzutraurige Stimmung zu entlassen.



Samstag, 27. März: Viel Geschichte und das Meer

Heute begaben wir uns noch einmal unter die Fittiche der portugiesischen Reiseführerin, denn der Besuch im Museum für alte Kunst war angesagt. Viele sakrale Kunst ist in dieses Museum gelangt, denn im 19. Jahrhundert wurden in Portugal alle Klöster aufgelöst. Auch viele Exponate aus den ehemaligen Kolonien, vor allem aus Asien. Besonders interessant zwei japanische Wandschirme, wo ein japanischer Künstler die fremden Besucher malte. Eigentlich müsste man karikieren sagen, denn die Portugiesen erkennt man an den langen Nasen und den Pluderhosen.
Ein weiteres Prunkstück des Museums ist die „Versuchung des hl. Antonius“ von Hieronymus Bosch. Die Führerin erklärte uns ausführlich die Bedeutung aller gemalten Dämonen, aber die meisten Mitglieder der Gruppe flohen in die anliegenden Räume. Auch weil es kaum Sitzgelegenheiten gab. Mich zog es auch mehr zu der Porträtmalerei. Es beeindruckt mich immer, solche mehrhundertjährige Porträts anzuschauen und zum Schluss zu kommen, dass ich diese Menschen durchaus auch heute hätte antreffen können. In anderer Kleidung natürlich.
Am Nachmittag gab es wieder einen Bus um nach Sintra zu fahren. Sintra ist ein mittelalterliches Städtchen nördlich von Lissabon mit einer Burg und einem Palacio, das wir besichtigten. Sintra war schon früher ein Ort, wo die reichen Lissabonner in die Sommerfrische gingen und heute liegen ab Stadtrand einige Luxushotels, wo bei Konferenzen Staatsgäste einquartiert werden. Nachdem wir auch die Pasteis de Queijo degustiert hatten, fuhren wir mit dem Bus Richtung Meer. Das Cabo da Roca, der westlichste Punkt des europäischen Festlandes, war nächstes Ziel. Es war das letze Stück Land, das die Seefahrer vor ihrer Fahrt nach Amerika jeweils sahen.
Durch die Seeorte Cascais und Estoril fuhren wir der Küste entlang zurück zu Mündung des Tejo. Eigentlich ist es keine richtige Flussmündung, sondern eine Bucht, die bereits Salzwasser enthält. Der Tejo fliesst etwas westlich von Lissabon in diese Bucht.


Sonntag, 28. März: Das war’s auch schon
Der Sonntag wurde gleich um 2 Stunden gekürzt. Einmal durch die Zeitzone und einmal durch die Sommerzeit. Der übliche langweilige Aufenthalt auf dem Flugplatz, der Flug und die Zugreise warteten auf mich. Einziges Souvenir sind 6 Pasteis de Queijo, die ich genüsslich alleine verspeist habe. Wenn ich wieder davon will, muss ich sie selbst machen.
Hat sich die Reise gelohnt? Sicher! Ich bin jetzt zum zweiten mal mit Studiosus gereist, dem Spezialisten für Studienreisen. Wieder wurde die Gruppe von einem kompetenten Reiseleiter geführt, aber die Tatsache, dass er Deutscher war, erscheint mir heute doch etwas von Nachteil. Das Bedürfnis den Leuten das Land und die Stadt näher zu bringen ist bei Einheimischen vielleicht doch etwas stärker. Aber vielleicht habe ich auf meiner Baltikumreise einfach eine Reiseleiterin erlebt, die nicht mehr zu übertreffen ist.
Fragt mich jemand, ob Lissabon eine Reise wert sei, kann ich nur antworten: Auf jeden Fall! Empfehlen würde ich aber eine gute Vorbereitung. Viele Sehenswürdigkeiten sind relativ unscheinbar. Die Strassen sind eng und es hat nur wenige grosse Plätze. Trotz der Enge kommt man aber kaum in Atemnot, denn der Atlantikwind versorgt die Stadt mit frischer Luft. Der öffentliche Verkehr ist gut und, wie beschrieben, selbst auch eine Sehenswürdigkeit.
Meine nächste Aufgabe ist, das Buch „Nachtzug nach Lissabon“ wieder zu lesen und das Beschriebene mit meinem eigenen Eindrücken zu vergleichen. Und dann… neue Reisepläne schmieden!

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